Tulln plant die Einkaufszukunft

Digitale Einkaufsstadt / Verkaufsflächen werden zurückgehen, aber neben digitalem Handel werden echte Geschäfte weiter Rolle spielen.

TULLN / Wieviel Digitalisierung braucht das Zentrum? Dieser Frage ging die NÖ.Regional. GmbH mit einer Podiumsveranstaltung im Atrium des Tullner Rathauses auf den Grund. Soviel vorweg: Reale Geschäftslokale wird es auch in der Einkaufsstadt der Zukunft geben. Aber die Digitalisierung nimmt einen wichtigen Platz ein. „Omnichannel“ (also das Bespielen mehrerer Vertriebskanäle, digital und in der Filiale) und das Schärfen des eigenen Profils bieten die größten Erfolgschancen.

„Ich bin froh, dass wir dabei sind und dass in Tulln das Haus der Digitalisierung entsteht“, betont Bürgermeister Peter Eisenschenk, „und ich bin froh, dass wir ein pulsierendes Zentrum haben. Aber wenn wir nichts tun, dann haben wir es bald nicht mehr.“ Das Risiko, dass der Handel scheitert, bestehe, denn „70 Prozent der Österreicher kaufen schon jetzt online ein“. Daher bräuchten Städte einen „Plan B“, was Tulln nun schon seit Jahren mit der Profilierung als Gartenstadt betreibe.

Zu viel Verkaufsfläche, Gefahr von Leerständen

Mit der Änderung des Käuferverhaltens sieht Martin Huber (Contrast EY) in den nächsten fünf bis zehn Jahren „unglaubliche Herausforderungen, aber auch riesige Chancen“ auf den Handel zukommen. Kaum ein Land habe so viel Verkaufsfläche wie Österreich (1,67 m2 pro Kopf, während es etwa in Großbritannien nur 1,09 m2 sind). Hier stehe noch ein massiver Rückgang bevor. Huber rechnet mit einem starken Match zwischen Innenstädten und Einkaufszentren auf der grünen Wiese. „Omnichannel und, egal ob Unternehmen oder Stadt, eine klare strategische Positionierung - das sind die Zauberworte“, so der Experte.

Auf die Gefahr von durch Leerstände fragmentierten Städten wies Ziviltechniker Martin Huber hin. Nur mit einem Bündel an Maßnahmen könne man dem erfolgreich begegnen. Wobei er die Gastgeberstadt lobte: „Tulln hat das gut gemacht.“
Als Fachmann für e-commerce, der mit seiner Agentur limesoda schon mehr als 4.000 Projekte betreute, riet Bernd Pfeiffer: „Jedes Event, egal ob in der Echtwelt oder Online, erzeugt Suchanfragen und -volumen - nutzen Sie das!“

In Tulln folgten vor zwei Jahren nur wenige Unternehmen der Digitalisierungsinitiatve der Stadt. Diese wenigen wie Goldschmied Markus Urban spüren aber schon den Nutzen der digitalen Verkaufsunterstützung. Mit dem Relaunch der Stadthomepage steht nun allen Unternehmen eine Plattform zum Selbsteintrag zur Verfügung.


Tulln überzeugt mit Erfolgsumsatzzahlen im Einzelhandel und Spitzenwerten in der Kaufkraftbindung, wie Vizebürgermeister Harald Schinnerl und Standortmanagerin Karin Rinderhofer betonen. Sie führen dies auf die Investitionen in das Einkaufserlebnis im Zentrum durch Ambiente, Events und klare Positionierungen wie z.B. Garten, Kunst und Donau zurück. Auch die Entscheidung, vor zehn Jahren mit der Rosenarcade ein Einkaufszentrum in die Stadtmitte zu setzen und mit Managerin Katharina Gfrerer eng zusammen zu arbeiten, habe zum Erfolg beigetragen.

Im Anschluss wollte die NÖN wissen, wie die Praxis in einem der bekanntesten Tullner Handelsbetriebe aussieht, dem Modehaus Stift. „Wir hätten im Barockhaus massiv investieren müssen, hinzu kommt, dass uns im klassischen Damenbereich drei Hauptlieferanten ausgefallen sind“, berichtet Nina Stift, „und auch die Zielgruppen verschieben sich. Meine Mutter, meine Tochter und ich tragen die gleichen Jeans, es gibt keine Generationen-Trennung mehr.“
Die Herrenmode wanderte ins Haupthaus. Mit dem Slogan „Mode hat ein Zuhause“ wird jetzt alles unter einem Dach angeboten. Die Verkaufsfläche wurde von 3.400 auf 2.500 Quadratmeter reduziert, trotzdem werde die Auswahl nicht eingeschränkt. „Unsere Homepage ist wichtig, aber wir sind stationärer Einzelhandel mit persönlichem Kundenkontakt“, betont Stift in Sachen Digitalisierung. Und im Erdgeschoß im Barockhaus soll bereits Ende April die „Zillertaler Trachtenwelt“ eine Filiale eröffnen.